Sie sind hier: Ehevorbereitung, ein Lesebuch » Leseproben

Leseproben

1.2      Sexualität und Glaube

1.2.2      Versuch einer narrativen Argumentation

1.2.2.1   Eine Erfahrung[1]

Als ich zum ersten Mal mit religiöser Normierung sexuellen Ver­haltens konfrontiert wurde, war ich etwa acht Jahre alt. Jedenfalls ist das meine erste diesbezügliche Erinnerung. Ich verbrachte meine Sommerferien bei den Großeltern im hohen Wester­wald.

Es war Samstagmorgen. Großmutter nahm mich mit ins Dorf zum Milchholen; es war ein schöner Morgen. Die Sonne schien, und ob­wohl es kein Sonntag war, läuteten die Glocken. Eine Hoch­zeit wurde im Dorf gefeiert. Wir kamen vorbei an einem geschmückten Haus. Die Türe wurde von einer Girlande verziert. Festlich gekleidete Menschen hatten sich vor dem Haus versammelt.

Von der Haustüre aus war die Straße bestreut, aber nicht, wie ich erwartet hatte, mit Blumen, sondern mit Küchenabfällen. Kartoffel- und Apfelschalen, Salatblätter und Gemüseabfall bildeten eine Spur, die in das Dorf hineinführte.

Das erregte meine Neugier, und ich fragte sofort: „Oma, warum sind hier denn keine Blumen auf den Weg zur Kirche gestreut? Sind das so arme Leute?“

Großmutter erwiderte: „Die Spur geht nicht zur Kirche, sondern zum Hause des Bräutigams.“ Dann wollte sie mit ihren Erklärungen aufhören. Aber ich fragte hartnäckig weiter: „Und warum führt die Spur zum Hause des Bräutigams?“

Da schien sie mir rot zu werden, stotterte ein wenig und meinte: „Die beiden werfen sich die Erbsünde vor.“ – Ich weiß diesen Satz deswegen noch so genau, weil er mir ein neues Rätsel aufgab, welches sich erst ca. 20 Jahre später lösen sollte. Meine Großmutter nämlich war nicht bereit, auch nur irgendetwas weiter zu erklären. Das verstand ich nicht, das ärgerte mich und grub sich in mein Gedächtnis ein.

1.2.2.2   Eine erste Deutung dieser Erfahrung

Sie alle wissen sicher schon, was Großmutter gemeint hatte. Die Schnitzelspur zwischen den Haustüren der Brautleute bedeutete ein geradezu vernichtendes Urteil der jungen Leute im Dorf. «Im Auftrage» der Dorfgemeinschaft hatten sie geurteilt: „Die beiden mussten heiraten, weil ein Kind unterwegs war.“

Sie hatten die Brautzeit, die auch eine Probezeit war, nicht bestanden.
Der bösen Begierde waren sie zum Opfer gefallen, sie hatten ihre Triebe nicht beherrscht und außerhalb der Ehe ein Kind gezeugt.
Das war ein schlimmes Unglück, denn
sie gerieten unter Zwang und verloren ihre Freiheit,
nicht Liebe war das Motiv der Heirat,
sondern die Folge ihrer Sünde war der Grund der Hochzeit,
ja, sie wurden in die Reihe mit den Sündern gestellt, die die Schuld daran tragen, dass wir Menschen das Paradies verloren haben.[2]

Glauben sie nicht auch, dass die Tränen, die an diesem Morgen im Hause der Braut von der Braut und ihrer Mutter geweint wurden, kaum Freudentränen waren? Es waren Tränen der Trauer und der Scham und sicher auch des Zornes. Und das alles wurde hervorgerufen im Namen Gottes, dessen „Wille“ und dessen „Gebot“ scheinbar Maßstab dieses harten Urteils waren.

1.2.2.3      Versuch einer neuen Deutung

Heute gehen wir mit jungen Leuten ganz anders um. Die Brautleute von heute haben auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Viele wollen heute von der Sprachregelung „heiraten müssen“ nichts mehr wissen.

In die Brautleutekurse kommen viele, die schon lange zusammenleben, die sich unter Umständen schon auf ein Kind freuen, welches „unterwegs“ ist. Sicher aber bringen auch viele einen großen Kummer mit, weil sie sich mit ihrer Vorfreude nicht verstanden fühlen. Darum suche ich jetzt eine andere Wertung auf dem Hintergrund und den Erfahrungen von heute auf. Die Situation, von der ich eben erzählte, könnte man heute so bewerten:

Braut und Bräutigam haben sich gefunden.
Ihre Liebe ist offensichtlich so tief geworden, dass ihr Verhältnis ganz persönlich und auch leiblich intim wurde.
Vielleicht kennt man sie aus der Gemeinde und aus dem Beruf als gewis­senhafte und verantwortungsbewusste Menschen.
Sie sagen „Ja“ zueinander, sie übernehmen – wenn auch nach langer Zeit erst in der Öffentlichkeit – in der Eheschließung die Verantwortung füreinander, das ist eine echte Tat der Liebe. Und sie nehmen das Kind an, dessen Eltern sie sind und sein werden.
Die Situation des Hochzeitstages ist wirklich ein Ergebnis ihrer bisherigen gemeinsamen Lebensgeschichte. Offensichtlich sind die guten Erfahrungen, die sie gemacht haben. Man kann sie ihnen nicht abstreiten. Sie erleben als Früchte ihres bisherigen Lebensweges:
Liebe, Treue, Verantwortung füreinander,
Verantwortung für das Kind,
eine ernsthafte Entscheidung für die Familie,
die Bereitschaft, in der Öffentlichkeit der Dorfgemeinschaft und der Kirchengemeinde als Eheleute und Familie zu leben und zu wirken.

Was können wir ihnen eigentlich anderes wünschen, als dass zum Heil für die beiden und für alle, die mit ihnen leben, das gelingt, was sie sich vorgenommen haben?

 

Nach dieser erzählerischen Problemeröffnung wird die herkömmliche Wertung auf ihre Entstehung hin reflektiert und mit Dokumenten erläutert. - Der Normenwandel kann dann beschrieben und theologisch begründet werden.

 

In der Glaubensgeschichte und Theologiegeschichte unserer Kirche gibt es eine eindeutige posivite Wertungstradition. Sogar im Sakramentenrecht gehört die geschlechtliche Begegnung der Eheleute zur Spendung des Ehesakramentes. Beispiele für solch positive Wertungen finden Sie, wenn Sie folgende pdf-Datei anklicken und so öffnen.

 

1.2.3   Die positive Tradition unseres Glaubens

1.2.3.1 Zur biblischen Tradition

http://www.breuer-theologie.de/media/Sexualit. Mittelalter.pdf Sexualit. Mittelalter.pdf  626.60 KB  04.10.2006 09:12 
 
_________________________________

 1]      Vgl.   C, 4.1  „Narrative Anfragen und ihr theologisches Potential“
          Vgl.   C,4.2       „Theologische und spirituelle Tragfähigkeit narrativer Antworten“ – Beispiel
[2]       Vgl.   B, 1.2.4.1 „Einige Vorstellungen des hl. Augustinus

 

 

 

2.1      Gemeinsam beten

2.1.1   Zur Situation der Kursteilnehmer

Zuweilen wird das Beten (beim Bau des Ehehauses) in den Hobbykeller oder den Speicher abgelegt. „Das soll jeder halten, wie er will.“ Von einem gemeinsamen geistlichen Lebenskonzept im Sinne des Gebe­tes ist nur sehr selten die Rede.

Manchmal spiegelt sich eine popularisierte Version der Freud’schen Religionskritik in den Äußerungen der jungen Leute wider. Man versteht das Beten als Zeichen der Schwäche und will nicht „infantil“ sein. Erfahrungen von Teilnehmern gehen aus einer kleinen Zitatensammlung hervor, die im Jahre 1992 aufgenommen wurde.[1]

Dennoch gerät diese Frage, auch im Gespräch mit den begleitenden Ehepaaren, manchmal unver­sehens in den Vordergrund. In der Nachmittagsrunde, in der das Ehehaus besprochen wird, profitieren alle von den gelungenen Gesprächen des Vormittags. Es sind schon manche Gesprächsbarrieren abgebaut. Auch diejenigen, die eigentlich nichts Neues erfahren wollten, sind neugierig geworden. Sie hören interessiert zu, auch wenn sie eigentlich in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt werden wollen.

Wenn die Frage nach dem gemeinsamen Gebet im Vordergrund des Gespräches aufge­taucht ist, muss auf diese Frage zuerst geantwortet werden. Daran kann sich, gemäß der Intensi­tät der Nachfrage, auch zuweilen eine ausführlichere Theorie des Gebetes[2] anschließen.

Es gibt Ehepaare, die gemeinsam beten. Sie kennen das gemeinsame Tischgebet oder das Vaterunser und das „Gegrüßet seist Du, Maria“.

Die Bestätigung durch die Teilnehmer wird abgewartet. Einige nonverbale Äußerungen reichen im Gruppenprozeß.

Aber es geht auch anders. Woher ich das weiß? Meine Eltern habe ich als Jugendlicher einmal beim gemein­samen Gebet erwischt. Ja, „erwischt“.

Die Zuhörer lächeln leise oder lachen auch laut. Jedenfalls bewirkt die Ausdrucksweise heitere Reaktionen. Ob sie sich erinnernd mit dem Jugendlichen identifizieren oder ihre eigene Elternrolle antizipieren, ist eigentlich hier nicht entscheidend. Wichtig ist, dass die Kursteilnehmer eine innere Vorstellung vom Geschehen entwickeln.[3]

2.1.2   Eine Erfahrung in der Familie

Wenn ich als Jugendlicher abends später heimkam, das kam zuweilen vor, dann leuchtete unversehens im Schlafzimmer der Eltern das Licht auf. Durch ein Oberlicht in einer Wohnungstüre konnte ich das sehen. Die Mutter drückte auf den Knopf. Das Signal hieß: „Du darfst noch herein­kommen und erzählen.“ So habe ich das auch immer verstanden. Niemals hatte ich den Eindruck, kontrolliert zu werden.

An einem folgenden Morgen fragte ich dann die Mutter: „Du, ihr seid schon so alt und so lange verheiratet. Haltet ihr immer noch Händchen, wenn ihr im Bett liegt?“
„Wie meinst du das?“
„Gestern Abend im Bett habt ihr euch die Hände festgehalten. Das habe ich ge­sehen.“
Da lächelte sie und schaute etwas abwesend an mir vorbei. „Gestern, als du kamst, haben wir nicht die Hände gehalten. Die Hände hatten wir gemeinsam ge­faltet.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Als du kamst, waren wir gerade beim Beten.“
„Wie macht ihr das denn?“
„Ach weißt du, wir falten die Hände so (Sie stellte sich rechts neben mich und legte ihre linke Hand in meine rechte.). Dann spricht der Vater – der kann besser beten als ich –, und ich sage ab und zu « Amen ».“ [4]

Die Ehepaare in der Runde haben nun Gelegenheit, über ihre eigene Gebetspraxis zu sprechen, wenn ihr Beitrag gefragt ist. Oft aber sind die Kursteilnehmer mit einer sol­chen kurzen Erzählung schon zufrieden.

Es wird ja eine Jugenderfahrung vorgestellt, die als authentische Berichterstattung über eine wirkliche Erfahrung glaubwürdig erscheint. Das Verhältnis zwischen dem Sohn und den Eltern erscheint so offen, dass alltägliche Erfahrungen ebenso ausge­tauscht werden können, auch die sehr persönlichen religiösen Gedanken und Erlebnisse.

Der Gestus des Händehaltens ist den Kursteilnehmern als Gestus der Nähe und des Einverständnisses vertraut. Er wird in einen Transzendenzbezug transformiert und signalisiert Nähe und Einverständnis im Angesicht Gottes. Lehrer des Betens sind die Eltern, ganz normale Eheleute. Ihr Gebet gehört zur nor­ma­len Alltagskompetenz.

Die Zuhörer erhalten eine doppelte Identifikationsmöglichkeit: Sie können sich erin­nernd mit dem „Sohn“ identifizieren (Ja, das kenne ich auch. / Hätte ich doch so etwas einmal erlebt. / ...) oder in einer Art existentieller Antizipation vorausdenken (Ob wir das auch einmal können werden? Was können wir tun? ...).

Die Zuhörer erfahren (bei Identifikation sogar intensiv), dass einfache Leute beten kön­nen und das auch tun. Beim Beten gibt es verschiedene Begabungen. Es gibt den Wortführer, der das Gebet aus erster Hand gibt und eine primäre Erfahrung bezeugt. Es gibt den „Nachfolger“, der sich mit seinem „Amen“ sekundär einlässt. Solche innere Gemeinsamkeit im Angesicht Gottes verheißt eine zuverlässige Verbindung der Partner, die alle Anwesenden für die Zukunft ersehnen und deren Verlust sie befürch­ten.[5]

 

Wenn danach gefragt wird, kann über das Beten ausführlich gesprochen werden. Im Buch findet sich eine kleine "Theorie des Betens" auf dem Hintergrund eines schöpfungstheologischen Denkens und Erlebens sowie einige Überlegungen zum Umgang mit dem Bittgebet (Gebete werden erhört, nicht erhört, anders erhört).

 



[1]        Zitatensammlung aus den Ehevorbereitungskursen 1992

-      Ich kenne Gebete aus der Kindheit, aber sie sind abhanden gekommen. Das „Vaterunser“ und das „Gegrüßet seist Du Maria“. - Sie kommen kaum noch vor.
-      Ja, vor dem Schlafengehen musste ich immer beten: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, ...“, „Jesuskindchen klein, ...“ oder so was. - Aber irgendwann hört man das ja auf.
-       Manche beten nur, wenn sie in Not sind.
-      Aber das ist dann eigentlich kein richtiges Gebet, sondern eine Art Notlösung, wenn sie mit niemandem sprechen können.
-       Damit beruhigen sie sich.
-      Sie wollen ihre Angst bewältigen.
-       Persönliche Gebete gibt es zu Hause.
-      Die alten Menschen beten mehr aus Pflichterfüllung. Da ist Beten ein Zwang.
-       Junge Leute beten mehr persönlich, nicht in der Kirche.
-      Texte werden eigentlich nur in der Kirche gebetet.
-      Wenn ich gute Erfahrungen mache, dann danke ich oft Gott dafür.
[2]      B, 2.1.3       „Eine kleine Theorie des Gebetes“
[3]      C, 3.6       „Die inneren Bilder des Erzählers“ und 
          C, 3.7       „Die Resonanz beim Zuhörer“

[4]      Tob 8,4-8

4    Als Tobias und Sara in der Kammer allein waren, erhob sich Tobias vom Lager und sagte: Steh auf, Schwester, wir wollen beten, damit der Herr Erbarmen mit uns hat.
5     Und er begann zu beten: Sei gepriesen, Gott unserer Väter; gepriesen sei dein heiliger und ruhm­reicher Name in alle Ewigkeit. Die Himmel und alle deine Geschöpfe   müssen dich preisen.
6     Du hast Adam erschaffen und hast ihm Eva zur Frau gegeben, damit sie ihm hilft und ihn ergänzt. Von ihnen stammen alle Menschen ab. Du sagtest: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist; wir wollen für ihn einen Menschen machen, der ihm hilft und zu ihm passt. Gen 2,18
7       Darum, Herr, nehme ich diese meine Schwester auch nicht aus reiner Lust zur Frau, sondern aus wahrer Liebe. Hab Erbarmen mit mir, und lass mich gemeinsam mit ihr ein hohes Alter erreichen!
8     Und Sara sagte zusammen mit ihm: Amen.

9     Und beide schliefen die Nacht über miteinander

Hier werden im Minenspiel der Kursteilnehmer Identifikationen deutlich. Zustimmung, Staunen, Nachden­ken, ... Die Erzählweise und der Fortgang des Gespräches müssen Rücksicht auf die u. U. stark beanspruchenden Reaktionen nehmen.

[5]      Vgl.   C, 3.1  „Lernen durch Teilhabe“